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"Die andere Sicht der Dinge hat mich interessiert"
Interview mit Suzanne von Borsody
CIVIS-Fernsehjury 2005
Warum haben Sie den Vorsitz der deutschen CIVIS-Fernsehjury übernommen? Was reizt Sie an der Aufgabe?
Ich war überrascht, als Fritz Pleitgen mich gefragt hat. Aber das Thema des CIVIS Medienpreises hat mich interessiert: Integration, Migration, wie geht man mit dem Anderen, dem Fremden in unserer Gesellschaft um? Kulturelle Vielfalt, das ist auch mein großes Thema. Wir brauchen die Auseinandersetzung. Viel zu viel hört man von der großen allgegenwärtigen Schafherde: "Deutschland gehört uns". Kulturelle Vielfalt muss in Filmen behandelt werden. Aber nicht nur als trockene und ernste Auseinandersetzung, man kann auch mit Lachen ernsthaft sein. In der CIVIS-Jury habe ich viel Positives gesehen. Überzeugt hat mich die Unterschiedlichkeit, wie man an das Thema Integration und kulturelle Vielfalt rangeht. Das kann helfen, Menschen beim Denken mitzunehmen. Und was die Zusammenarbeit mit den Kollegen und Kolleginnen angeht, die unterschiedlichen Perspektiven von Schauspielern und Journalisten in der Jury, das war eine sehr spannende Erfahrung. Die andere Sicht der Dinge hat mich interessiert. Und wir haben immer einen gemeinsamen Weg gefunden. Das hat mich wirklich gefreut.
Wie sehen Sie die gesellschaftliche Auseinandersetzung? Sind die Deutschen souveräner, offener gegenüber Neuem geworden?
Ich denke, dass bei den meisten eine große Angst geschürt wird, was Zuwanderung und den Umgang mit Fremden angeht. In Berlin wird mir das weniger bewusst als in anderen Städten, in München zum Beispiel, wo ich auch wohne. Berlin ist Metropole, dort leben Menschen unterschiedlichster Herkunft. München dagegen ist eher ländlich, gediegener. In Berlin gibt es immer noch die Unterscheidung in Ost und West, aber das vermischt sich immer mehr. Die Wessis leben auch schon lange nicht mehr nur im früheren Westteil der Stadt. Ich denke auch, unsere Gesellschaft krankt daran, dass keine Eigenverantwortung übernommen wird, dass keine Position bezogen wird, dass sich ein Großteil der Gesellschaft als Opfer darstellt und für alles Verantwortliche suchen, nur nicht sich selbst. Wir leben in einer egoistischen Welt.
Sie sind Unicef-Botschafterin, engagieren sich in der "Hilfe für Afghanistan". Wie steht es um ihre eigene Verantwortung?
Wenn man eine öffentlich bekannte Person ist, hat man natürlich eine Bühne und eine besondere Verantwortung. Eine Fläche sozusagen, die man zu eigenem Ruhm nutzen kann, oder aber auch für Klatsch und Tratsch. Ich weiß, dass ich aus meiner Popularität heraus auch eine Verantwortung in der Gesellschaft habe. Das fängt bei der Auswahl der Rollen an. Als Schauspielerin muss ich in meiner Rolle so glaubwürdig sein, wie es mir möglich ist. Ich darf mich nicht verpanschen, nicht jede Rolle annehmen.
Haben Sie damit eher ermutigende oder negative Erfahrungen gemacht?
Ein einzelner Mensch kann keine Berge versetzen. Aber er kann einen Stein aufheben und ihn an eine andere Stelle platzieren. Und manchmal ist ein Stein zu schwer für einen alleine. Da braucht man Mitstreiter, andere Überzeugungstäter. Als Schauspielerin bin ich eine Gallionsfigur, die vorne an einem wunderschönen Schiff hängt und schön anzusehen ist. Aber irgendwann werden an dieser Gallionsfigur die Würmer nagen oder sie wird versinken im Meer. Ich meine damit, nur das komplette Schiff, die ganze Mannschaft kann Wellenbrecher oder Eisbrecher sein. Eigenverantwortung ist nicht anstrengend, aber ich brauche dazu auch Freunde, andere Menschen. Dann kann ich auch wiederum andere Menschen mitnehmen. Wenn einer immer wieder das kopfschüttelnde "nee, nee" sagt, wird er vielleicht irgendwann zum zustimmenden "hmm, hmm" wechseln.
Gibt es einen Punkt in Ihrer Biografie, wo diese Haltung entstanden ist?
Ich bin so erzogen worden. Meine Mutter, Rosemarie Fendel hat immer gesagt: wichtig ist, ob jemand ein Mensch ist, nicht im Sinne von Homo sapiens, sondern im humanistischen Sinne. Meine ganze Erziehung und die Erfahrung im künstlerischen Elternhaus, das ja auch ein Treffpunkt für Menschen verschiedener Herkunft war, ging in diese Richtung. Das hat mich geprägt. Ich bin auch erzogen worden, mal den Blickwinkel zu ändern, in die Schuhe anderer Leute zu schlüpfen und einfache Fragen zu stellen. Wenn ich an einer Häuserwand den Spruch lese: "Nazis raus!", dann denke ich mir. Ja, wo sollen die denn hin, wer will denn die haben? Wohin sollen wir die schicken? Wie geht man um mit Menschen, die überhaupt nicht wissen, wovon sie reden? Das heißt nicht, das wir uns mit den Nazis in unserer Gesellschaft abfinden müssen. Das heißt, das wir uns auseinandersetzen müssen mit bestimmen Positionen und Vorkommnissen in dem Land, in dem wir leben.
Ist nicht ein Großteil in unserer Gesellschaft desinteressiert? Sie haben ja eben erwähnt, dass sich viele nur als Opfer sehen. Zivilcourage oder die große Auseinandersetzung mit rechtsextremen Tendenzen in unserer Gesellschaft ist doch überhaupt nicht gefragt.
Ich habe ein sehr positives Beispiel. Vor einigen Jahren habe ich eine Szene in Berlin-Kreuzberg beobachtet, die mich sehr beeindruckt hat. Da standen auf einer Straßenseite Türken und ihnen gegenüber haben sich Neo-Nazis oder Skins aufgestellt. Die Stimmung war sehr geladen, es konnte jeden Moment Gewalt ausbrechen und inmitten dieser aufgeheizten Atmosphäre stand eine Frau. Die holte Gegenstände aus ihren Plastiktüten raus und sagte mit lauter und kräftiger Stimme, wo sie dieses und jenes gekauft hat. "Die Möhren hier, die kosten 2 Mark 99, wo haben Sie denn eingekauft? Was kostet denn der Salat?" Die hat einfach ihre Einkäufe ausgepackt und die Leute in ein Gespräch verwickelt. Die hat es damit geschafft, dass sich die Situation komplett entspannt hat. Das nenne ich Zivilcourage und Verantwortung übernehmen.
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CIVIS - Nominierte und Preisträger  |
2010 Berlin 

2009 Berlin 

2008 Ljubljana 

2007 Berlin 
 2006 Berlin 
 2005 Straßburg  |
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