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Standpunkte

Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D.; Rechte: WDR/AP/Balzarini

Altbundeskanzler Helmut Schmidt

Unser Interesse am Frieden zwischen der islamischen Weltreligion und der westlichen Welt ist grundlegend.

"Es wird auch noch einige Zeit dauern, bis bei uns die Auswirkungen der Bevölkerungsexplosion in Asien, Afrika und Lateinamerika bei gleichzeitiger Schrumpfung der europäischen Nationen begriffen werden. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen vervierfacht, bis gegen die Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts wird die sich gegenüber dem Jahre 1900 auf das sechsfache steigern. Schon heute spüren wir die massenhafte Wanderung in Richtung Europa und Nordamerika. Aber kaum irgendwo in der EU erscheint das drängende Problem der kulturellen und politischen Integration befriedigend gelöst oder wenigstens auf dem Wege zur Lösung - so auch in Deutschland. Aus den daraus resultierenden ethnisch-nationalistischen Gegensätzen könnte sich bei weiterer Vernachlässigung ein weltpolitisch bedeutsamer Konfliktstoff ergeben."

Ein Fünftel der Menschheit bekennt sich zum Islam.

"Unser Interesse am Frieden zwischen der islamischen Weltreligion und der westlichen Welt ist grundlegend. Ein Fünftel der Menschheit bekennt sich zum Islam. Heute leben bereits über drei Millionen Muslime unter uns Deutschen, und ihre Zahl wird zunehmen; dazu werden sowohl der Wanderungsdruck aus dem Mittleren Osten und aus Afrika beitragen als auch die hohen Geburtenraten der zugewanderten Muslime. Heute leben in der EU fünfzehn Millionen Muslime, in Russland weitere zwanzig Millionen. Weder hier noch dort ist bisher die Integration muslimischer Mitbürger ausreichend gelungen. Samuel Huntingtons Schlagwort vom clash of civilizations liegt ein gutes Jahrzehnt zurück. Manche hielten seine Prognosen für allzu pessimistisch, andere haben daraus sogar ein geostrategisches Konzept abgeleitet. Heute muß man die Möglichkeit eines weltweiten Konflikts zwischen dem Islam und dem Westen für denkbar halten. Ein solcher Konflikt könnte von Indonesien oder Pakistan und Afghanistan bis nach Algerien und Nigeria reichen und Russland sowie den Balkan und die großen Städte in Europa einschließen. Religiöse Motive, sozialrevolutionäre Antriebe und machtpolitische Zielvorstellungen können sich vermischen - und ein zufälliges Ereignis kann solch ein Gemisch auf islamischer Seite schnell zur Explosion bringen. Aber die Explosion kann auch durch den Westen, durch die USA oder Israel ausgelöst werden.

Niemand kann die historisch gewachsene Siedlung der Muslime in Rußland und auf der Balkan-Halbinsel rückgängig machen. Auch die muslimische Zuwanderung, ob nach Dänemark, England, Frankreich, Holland oder Deutschland, ist eine unumkehrbare Tatsache. Deshalb müssen wir in jedem Einzelfall sehr genau prüfen, ob es wirklich in unserem Interesse liegt, uns an militärischen Interventionen in muslimisch geprägten Staaten und Regionen zu beteiligen; Bosnien, Kosovo, Afghanistan, die Küsten des Libanon und das Horn von Afrika - diese Kette ist bereits sehr lang!

Die öffentliche Anerkennung der islamischen Weltreligion liegt in unserem Interesse.

Innenpolitisch bedarf es einer langwierigen Anstrengung, um die muslimischen Mitbürger in unseren Schulen, im Arbeitsmarkt und in unserer Politik angemessen zu beteiligen. Unser Staat, die Kirchen und die Medien sollten der islamischen Religion mit dem gleichen Respekt begegnen, den sie bisher dem katholischen, dem evangelischen und dem jüdischen Bekenntnis gezollt haben. Wir sollten auch in der Europäischen Union und in allen internationalen Gremien für diese Gleichbehandlung eintreten. Darüber hinaus sollten wir darauf drängen, dass der Europäische Rat, die Regierungschefs und das Europäische Parlament sich dem Islam öffnen. Es ist nicht Deutschlands Aufgabe, dem religiösen Oberhaupt der kleinen, ethnisch begrenzten Sekten der tibetischen Buddhisten zur öffentlichen Anerkennung zu verhelfen. Wohl aber liegt die öffentlichen Anerkennung der islamischen Weltreligion in unserem Interesse.

Wir müssen zugleich darauf achten, daß der an vielen Orten in manchen Staaten auftretende islamistische Terrorismus nicht als typisches oder als inhärentes Element des Islam missdeutet wird. Es hat auch in der langen Geschichte des Christentums immer wieder Kriegsverbrechen und Terrorismus gegeben, gleichwohl hält niemand etwa die Folterungen durch die Inquisition oder die Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen für typische Kennzeichen des Christentums. Hinterhältige Attentate, Morde und Geiselnahmen ziehen sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit, unabhängig von der Religion. Seit der Aufklärung hat man zu ihrer Verfolgung und Verurteilung den Rechtsstaat, Polizei und Strafgerichte. Wer ohne Not militärische Streitkräfte zu bewaffnetem Kampf gegen islamistische Terroristen einsetzt, kann dadurch Wut, Erbitterung und zusätzlichen Terrorismus provozieren - so ist es dem Präsidenten Bush jun. im Irak ergangen. Der Westen kann auch im 21. Jahrhundert nicht jeglichen Terrorismus ausrotten. Er muß ihn mit vielerlei politischen Mitteln zurückdrängen. Aber er muß dabei sorgfältig darauf achten, nicht einen generellen Konflikt mit dem Islam auszulösen, der die Spirale der Gewalt - auf beiden Seiten - nur weiterdrehen und dem Terrorismus neue Rekruten zuführen würde.

Die Möglichkeit eines solchen Konflikts scheint in letzter Zeit näher gerückt, ein Konflikt ist jedoch keineswegs unvermeidlich. Gegenwärtig erscheinen die USA den politischen und religiösen Führern des Islam als die herausragende, omnipotente westliche Führungsmacht. Eine erkennbare Grundhaltung oder gar ein politisches Konzept der USA gegenüber den mehr als fünfzig islamisch geprägten Staaten gibt es bislang freilich nicht; die Kenntnisse der amerikanischen Politiker über den islamischen geprägten Mittleren Osten sind gering, zumal die islamischen Staaten geographisch und auch historisch für die Amerikaner sehr weit entfernt zu sein scheinen. Vor allem darf Amerika gegenüber der muslimischen Welt nicht mit zwei Zungen reden: Man sollte nicht einer Reihe von Staaten im Mittleren Osten vorwerfen, sie seien undemokratisch und hielten sich nicht an die Menschenrechte, zugleich aber mit muslimischen Militärdiktaturen paktieren und in Saudi-Arabien, wo die gleichen Zustände herrschen, alles mit dem Argument des Öls zudecken, das im amerikanischen Kongreß eine große Rolle spielt.

Die EU hat kein langfristiges Konzept.

Auch die Europäische Union hat für den Umgang mit dem islamischen Teil der Welt kein langfristiges Konzept, obgleich sie unmittelbar betroffen ist. Diese Situation bleibt potentiell gefährlich. Die Entwicklung einer positiven zivilen und zugleich langfristigen Gesamtstrategie für den Umgang mit dem Islam ist für Europa - und ähnlich auch für Rußland - eine der wichtigsten neuen Aufgaben, die das 21. Jahrhundert uns stellt. Sie muß sowohl kulturelle als auch politische und wirtschaftliche Elemente umfassen. Ohne prinzipielle religiöse Toleranz bleibt die Aufgabe unlösbar."

Mit freundlicher Genehmigung

Helmut Schmidt
"Ausser Dienst. Eine Bilanz"
Siedler Verlag, München
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Erste Auflage, 2008
Seite 177 u. 183 ff.
ISBN 978-3-88680-863-2

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