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Barack Obama; Rechte: PHOENIX/WDR/dpa
"Denn die Welt hat sich verändert, und wir müssen uns mit ihr ändern." Barack Obama

Change? Irgendwie ja

Sonia Seymour Mikich über den neuen US-Präsidenten

Sonia Seymour Mikich; Rechte: WDR/Klaus Görgen

Sonia Seymour Mikich, Leiterin ARD-Politikmagazin "Monitor"

Was für eine to-do-Liste! Arbeitsplätze retten angesichts der unvermeidbaren Rezession, die die USA erfasst. Die gewaltige Kreditkrise in den Griff kriegen. Die dramatischen Zwangsversteigerungen von Immobilien bremsen. Den Krieg im Irak beenden. Nach acht Jahren Bush ist das Land eine Riesenbaustelle, und Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Dennoch hat die ganze Welt Grund genug, sich über diesen Präsidenten zu freuen. Eine historische Zäsur hat stattgefunden, die nicht auszulöschen ist, noch nicht einmal wenn das Projekt "Change" scheitern sollte. Obamas Wahl hat einen Schlussstrich gezogen unter 400 Jahre Kränkung und Unterdrückung der Schwarzen, Amerika ist auf eine Sklavengesellschaft aufgebaut und die Welt wurde wieder daran erinnert. Am 1. Dezember 1955 wurde die schwarze Bürgerrechtlerin Rosa Parks verhaftet, weil sie sich weigerte im Bus für einen weissen Mann aufzustehen. Menschen wurden zusammengeschlagen, ins Gefängnis geworfen oder gar ermordet, weil sie für die Gleichheit der Rassen eintraten. Erst 1964 erkämpften Bürgerrechtler wie Martin Luther King das uneingeschränkte Wahlrecht der Schwarzen, da war Barack Hussein Obama drei Jahre alt…

Schwarze, Latinos und Asiaten bilden ein Drittel der US-Bevölkerung, die Hoffnung auf eine "post-racial society", eine Gesellschaft jenseits von Rassenetiketten, wurzelt in der demographischen Realität. Dennoch fragten sich viele noch vor wenigen Monaten, ob Amerika "so weit" sei, einen schwarzen Präsidenten zu wählen, obwohl es ja einen Colin Powell, eine Condoleeza Rice in hoher politischer Verantwortung gegeben hatte. Auch aufgeklärte Amerikaner waren skeptisch, die USA seien und blieben eine rassistische Gesellschaft mit überproportional vielen Schwarzen in der Unterschicht und in den Gefängnissen gleichermassen. Die Stereotypen, auf welchen Gebieten Schwarze reüssieren können (Hiphop und Basketball) und auf welchen nicht (Geigenspiel und Schach) lebten ja munter fort, trotz der Gleichheit auf dem Papier.

Es kam anders, wunderbar anders. Obamas unbestreitbarer Verdienst ist es, sich zu seiner gemischten Identität zu bekennen und als Afroamerikaner Politik jenseits der Hautfarbe zu definieren. Wie stehen alle Amerikaner zum Abzug aus dem Irak? Was tun alle gemeinsam gegen die Gier der Wall Street? Wie schaffen sie ein Recht auf Bildung und Gesundheit für alle? Seine Biografie lässt hoffen: Obama hat sich in eine gut ausgebildete, kosmopolitische Mittelschicht hoch gearbeitet und teilt deren Werte. Einer, der sein Bestes gibt und einen guten Job macht - das war seine Attraktivität für Weisse und Schwarze gleichermassen.

Bei den Wahlpartys auf Harlems Strassen spürte jeder, wie sehr sich die Menschen nach einer farbenblinden Zukunft sehnen, als ob das Land nun in einem Kraftakt die Aufspaltung in Gruppen und Ethnien überwinden will. Da sagte es einer für alle: "Ich bin nicht nur stolz darauf schwarz zu sein, sondern Mensch zu sein. Es ist so schön, unfassbar, wie ein Film, ich liebe es am Leben zu sein, Teil der Geschichte zu sein. Ich werde es meinen Kindern und Enkeln erzählen. Dass ich gewählt habe. Ich bin so stolz."

Sauerstoff für die US-Demokratie

Zu Recht waren dies die Stunden der ganz großen Worte wie Gerechtigkeit, Gleichheit, Einigkeit - Sauerstoff für die Demokratie. Ähnliches haben die Deutschen beim Mauerfall gespürt und gehört und ähnlich erstaunlich wäre es wohl, wenn ein türkischstämmiger Kanzler gewählt werden würde. In Harlem drückten die Menschen auf den Strassen gleichzeitig Stolz und Fassungslosigkeit aus, denn einer, der so aussah wie sie, hatte die Gemeinschaft zusammengebracht, egal welches Alter, welche Rasse. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - die alte Floskel klang taufrisch. Auch ein Latino-Präsident sei demnächst denkbar, so jubelten Weisse, Schwarze, Braune. Vielleicht irgendwann auch eine Präsidentin.

Die Gräben überwinden, das ist ein großer Verdienst dieses Afroamerikaners, der nie als Kandidat der Schwarzen auftreten mochte. Er erwies in seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg zwar den alten, den militanten Bürgerrechtlern die Ehre, bedeutete aber gleichzeitig den Jungen, dass es nun keine Ausreden mehr geben kann. Schwarze sind nicht mehr nur Opfer, die 60er Jahre gingen am 4.11.2008 endgültig zu ende. Kinder und Jugendliche haben - nicht nur in dieser Nacht in Harlem - ein neues Glücksversprechen erlebt und beschrieben ihre Gefühle so: "Der amerikanische Traum ist nicht mehr nur für Weisse, denn jetzt haben wir einen, der so aussieht wie wir, und der ist in der Politik - nicht in der Musik oder im Sport - ganz oben. Das ist ein gigantischer Unterschied." Der Respekt, dem einer der Ihren aus der ganzen Welt gezollt wird, beflügelt zusätzlich. Barack Obama der Weltpräsident, größer geht es nicht.

Blinder Fleck Frauen?

Da hätten ein paar Worte an die Wählerinnen gut geklungen. Dabei hat er allen Grund, frauenfreundlich zu sein: 35,9 Millionen Amerikanerinnen haben ihn ins Amt gehoben im Vergleich zu 27,8 Millionen Männern, ein substantieller Unterschied. Frauenanliegen - sie irrlichterten durch seinen Wahlkampf. Nie ganz weg, aber nie ganz laut. Ganz klar waren Obamas Bekenntnisse zum Recht auf Abtreibung, "the right to choose". Mit ihm sei eine Änderung der Gesetzeslage nicht zu machen - eine Kampfansage gegen die religiöse Rechte. Der ehemalige Armenanwalt aus Chicagos sozialen Brennpunkten kennt ebenfalls die verheerende Lage der Frauen in Niedriglohngruppen. "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" - die Forderung steht im Wahlprogramm weit oben. Bitter nötig. Denn in den USA werden Frauen erst um das Jahr 2050 so viel verdienen wie Männer! Im Jahr 2007 bekam die Durchschnittsamerikanerin 77 Cent auf jeden Dollar, den ein Mann verdiente. Noch mieser die Zahlen für farbige Frauen, Afroamerikanerinnen bekamen 72 Cents, Latina-Frauen nur 60 Cents. Da ist es ein weiter Weg zur Gleichbehandlung.

Wenige Frauen werden genannt, die ab 20. Januar den Neuanfang im Weissen Haus schaffen sollen. Hillary Clinton wird Aussenministerin. Das wichtige Amt für Heimatschutz bekommt die Gouverneurin von Arizona, die 50jährige Juristin Janet Napolitano. Auch einige Vertreter von Minderheiten gehört zum neuen Team dazu, aber nicht übertreiben, denn die Botschaft ist deutlich: Barack Obama wird nicht besondere Rücksicht auf Interessensgruppen nehmen. Die Reaktionen der Frauen sind gemischt. "Es ist symbolisch wichtig, dass Frauen proportional im Kabinett repräsentiert sind" so Cynthia Hess vom Institute for Women's Policy Research. Veränderungen müssen auch äusserlich demonstriert werden, das ist der erste Schritt in die Realpolitik.

Nein, argumentieren andere, Obama tut gut daran, Frauen nicht wegen ihres Geschlechtes zu rekrutieren: "Die Demokraten haben in der Vergangenheit zu oft Politik mit Rücksicht auf Geschlecht oder Hautfarbe betrieben", meint Marie Danzinger von der Harvard Universität.

Barack Obama, ein cooler Pragmatiker. Der sich Quotendenken nicht erlaubt. (Im Gegensatz zum konservativen französischen Präsidenten Sarkozy, der sehr augenfällig ein Kabinett der Frauen und Minderheiten zusammenstellte.)

Bei aller Euphorie bleiben gerade viele Frauen hin und her gerissen zwischen der unendlichen Sympathie für den Mann, der sehr weise und menschlich einen Sieg für die Schwarzen errungen hat und den Mann, der andere Formen der Ausgrenzung und Diskriminierung wenig auf seinem Schirm hat. Seltsam, dass dem Aufsteiger und Intellektuellen Obama eine Erkenntnis abgeht: Hautfarbe ist, genauso wie Geschlecht ein Faktum, dem niemand entkommen kann. Ambivalenz also - wie ein Kammerton schwingt sie bei vielen Aussagen des Politstars Barack Obama mit, Enttäuschungen und Überraschungen sind also vorprogrammiert.

Sonia Seymour Mikich
Leiterin des ARD-Politikmagazins "Monitor"

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