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Kulturelle Vielfalt statt Assimilation
Prof. Dr. Dieter Oberndörfer Im europäischen Nationalismus steht Assimilation als Ziel- und Kampfbegriff für kulturelle Homogenisierung. Ethnische Minderheiten sollen ihre kulturellen Überlieferungen und ihre Sprache aufgeben, sich so an die Mehrheit anpassen, dass sie in ihr verschwinden. Minderheiten wurde der Gebrauch ihrer Sprache verboten. Sogar die Vornamen und Familiennamen, Straßen oder Wegweiser mussten nach den Vorgaben der Sprache des "Staatsvolkes" umbenannt werden. Die Nation muss strictissime vor fremdem Kulturgut geschützt oder von ihm gereinigt werden. Beispiele finden sich in der Homogenisierungspolitik vieler europäischer Staaten. Ihre Extremform praktizierten die Nationalsozialisten. Der geschichtlich so überaus negativ belastete Begriff der Assimilation tauchte zuletzt auch in der deutschen Debatte über die Integration der Zuwanderer auf. Auch wenn man unterstellt, dass hier nicht an einen ominösen Zentralbegriff des Nationalismus angeknüpft, sondern mit Assimilation vielleicht nur das Unsichtbarwerden der Migranten in der Aufnahmegesellschaft gemeint wurde, werden hier zumindest Erwartungen propagiert, die auch in klassischen Einwanderungsländern, meist nur selten und auch dann nur nach mehreren Generationen, erfüllt wurden. Als nicht eingelöste Forderung verstärken sie in der Aufnahmegesellschaft zwangsläufig negative Einstellungen gegenüber den Zuwanderern. Unter den Migranten selbst bewirken Versuche oktroyierter Assimilation eher Abschottung als Eingliederung, insbesondere wenn damit die völlige Aufgabe ihrer eigenen kulturellen Überlieferungen gefordert wird. Kulturelle Selbstbestimmung gilt für alleAssimilation wurde bislang begrifflich diffus ohne nähere inhaltliche Bestimmung postuliert. Assimilation als Zielsetzung setzt voraus, dass es eine Messlatte für gelungene Assimilation gibt. Eine solche Messlatte wäre der assimilierte Deutsche. Aber was ist ein assimilierter Deutscher? Sind Süd-, Nord- oder Ostdeutsche, Katholiken, Protestanten, säkularisierte und kirchlich-konfessionell nicht gebundene Bürger, zum Islam oder Buddhismus konvertierte Deutsche, Akademiker oder Bauern, Mitglieder der SPD oder der CSU jeweils das Modell für den assimilierten Deutschen? Die Frage nach dem assimilierten Deutschen und damit nach dem Messwert für Assimilation ist im Hinblick auf die sich in ihren kulturellen Lebensformen und Stilen ständig weiter pluralisierende Gesellschaft Deutschlands nicht zu beantworten.In Artikel drei des Grundgesetzes heißt es, dass niemand wegen seiner Abstammung, seiner Heimat und seines Glaubens bevorzugt oder benachteiligt werden darf. Den Protagonisten von Assimilation kann unterstellt werden, dass auch sie sich zum Grundgesetz bekennen. Es wäre konsequent, wenn dieses Bekenntnis auch für Zuwanderer Geltung hätte. Auch Migranten muss die kulturelle Selbstbestimmung eingeräumt werden, die das Grundgesetz gewährt. Grundgesetz setzt den RahmenWie die innerdeutsche Debatte über Leitkultur gezeigt hat, sind das Grundgesetz und die Rechtsordnung der verbindliche Rahmen der Kultur Deutschlands. Sie schützen die Freiheit des Kultus, der Weltanschauung und des religiösen Bekenntnisses. Deutsche dürfen sich daher auch ursprünglich fremden Religionen und Konfessionen zuwenden. Erzwungene kulturelle Assimilation ist unvereinbar mit dem Schutz individueller kultureller Selbstbestimmung.Die Kultur Deutschlands ist die Kultur seiner Bürger. Die Grenzen der kulturellen Freiheit und Selbstbestimmung werden durch das Grundgesetz und die Rechtsordnung, die Hausordnung Deutschlands, festgelegt. Integration der Migranten ohne Akzeptanz kultureller Verschiedenartigkeit durch die Mehrheit ist nicht möglich. Migranten aus Indien, China oder der Türkei können gute gesetzestreue Bürger werden, aber kaum zu katholischen bayerischen Bauern oder schwäbischen Pietisten mutieren. Learning to live with diversity, die Bejahung und Akzeptanz ethno-kulturellen Pluralismus im Rahmen der bindenden Vorgaben des Grundgesetzes ist die Hauptbedingung für die Integration unserer Gesellschaft. Dies erfordert von der deutschen Mehrheitsgesellschaft tief greifende Änderungen ihrer bisherigen Einstellungen gegenüber Zuwanderern. Vor allem in Großstädten werden freilich schon heute Gewöhnungseffekte wirksam, nach denen der Migrationshintergrund der Normalfall ist und nicht mehr die Ausnahme bildet. Wie in anderen Einwanderungsländern wird auch in Deutschland die zunehmende Bedeutung der Migranten in der Politik die notwendige Beachtung finden müssen und eine Änderung bisheriger fremdenfeindlicher Blockaden erzwingen. Zudem haben sich gegenüber der Zeit der Gastarbeiterzuwanderung die sozialen Strukturen und kulturellen Substanzen der Bundesrepublik tief greifend verändert. Die billige Polemik gegen die multikulturelle Gesellschaft geht an der Wirklichkeit vorbei. Deutschland hatte im Hinblick auf seine konfessionellen Spaltungen, auf die Säkularisierung und die Aufklärung zwar schon immer eine multikulturelle Gesellschaft. Durch die bisherige Zuwanderung hat sich aber diese kulturelle Vielfalt in revolutionärem Umfange pluralisiert. Durch die Konzentration der Zuwanderer in den Städten, durch ihre größere Kinderzahl sowie durch Freizügigkeit und Mobilität in der Europäischen Union wird sich diese Entwicklung noch beschleunigen und zunehmen. Wie in den Einwanderungsländern Australien und Neuseeland schaffen die Pluralisierungsprozesse durch Zuwanderung Voraussetzungen für Integration - für die Entstehung vitaler Einwanderungsgesellschaften. Positives nicht klein redenDer Übergang zur Einwanderungsgesellschaft kann mit schweren Konflikten verbunden sein. Sie in erträgliche Formen zu halten ist die Aufgabe der Integrationspolitik. Für sie wurden durch das Zuwanderungsgesetz und vor allem jetzt durch die neue forcierte Integrationspolitik der Großen Koalition wichtige Grundlagen gelegt. Die möglichen positiven Folgen von Einwanderung dürfen dabei im politischen Diskurs nicht wieder klein geschrieben werden - dies gilt insbesondere für die großartige kulturelle Bereicherung der Gesellschaft Deutschlands schon durch die bisherige Zuwanderung. Der kulturelle Horizont der Bürger Deutschlands wurde erweitert und bereichert.Den eigentlichen ideologischen Kern der Polemik gegen die kulturellen Beiträge der Zuwanderer bildeten Relikte antipluraler völkischer Überlieferungen mit ihrem stets fiktiv gewesenen Ideal einer homogenen Nationalkultur Deutschlands. Viele, die deshalb gegen den Multikulturalismus zu Felde zogen, meinten mit Integration Assimilation. Multikulturalismus wurde dabei für sie zum Kampfbegriff politischer Polemik gegen jegliche Zuwanderung, obwohl es Multikulturalismus im Sinne der Relativierung kultureller Werte in der Politik und Wissenschaft Deutschlands kaum je gegeben hat - insbesondere nicht bei denen, die sich für eine vernünftige Zuwanderungspolitik und Integration der Zuwanderer eingesetzt haben. Mit dem plakativen Etikett "Multikulturalismus" wurde ein Angstgegner konstruiert, den es als relevante politische Kraft in diesem Land gar nicht gegeben hat. Dass kulturelle Integration nur innerhalb der durch das Grundgesetz definierten Werte und Grenzen erfolgen müsse, wurde nicht bestritten. Aber nur durch Gewährung kultureller Freiheit können sich die Zuwanderer in unseren Staat integrieren und Patrioten werden. Auftretende kulturelle Konflikte, die es in allen Gesellschaften und gerade auch in scheinbar kulturell homogenen Gesellschaften immer wieder gegeben hat - so zum Beispiel in den Religionskriegen Europas - müssen im Rahmen der Rechtsordnung des demokratischen Verfassungsstaates aufgearbeitet werden. Dies kann mit schweren politisch-kulturellen Konflikten verbunden sein. Ihre friedliche Aufarbeitung und Konsensbildung wird nicht immer und oft nur partiell gelingen. Der Erfolg sozialer und politischer Integration in demokratischen Verfassungsstaaten ist nichts Zwangsläufiges. Der demokratische Verfassungsstaat ist eine Leistungsgemeinschaft. Er wächst oder verkümmert, je nach den Erfolgen oder Misserfolgen der eigenen Konkretisierung. Mit freundlicher Genehmigung Dieter Oberndörfer Kulturelle Vielfalt statt Assimilation In: Clavis 2, 2008, S. 16 f. Prof. em. Dr. Dr. h. c. Dieter Oberndörfer - emeritierter Professor für Politikwissenschaft, Leiter Arbeitsgruppe Wahlen Freiburg (AWF), Vorstandsvorsitzender Arnold Bergstraesser Institut für kulturwissenschaftliche Forschung e.V. an der Universität Freiburg, Vorstand des Trägervereins Institut für Politische Bildung - Studienhaus Wiesneck e.V., 2. Vorsitzender des Vorstandes des Rats für Migration e. V., Mitglied des Interkulturellen Rats in Deutschland e.V., Ehrenmitglied Deutsche UNESCO-Kommission e.V., Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft e.V. (DGfP), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Otto Benecke Stiftung e.V., Planungsausschuss der Konrad-Adenauer-Stiftung, wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF), Kuratorium Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Bonn Die in "Standpunkte" wiedergegebenen namentlich gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der CIVIS Medienstiftung wieder. |





