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Navid Kermani
Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime
Meint Vielfalt etwa auch ein Minarett im Stadtbild?
"Ist es liberal, muslimischen Lehrerinnen zu erlauben, ein Kopftuch zu tragen? Bedeutet Säkularität, dass der Staat alle Religionen konsequent gleich behandelt? Meint Vielfalt etwa auch ein Minarett im Stadtbild? Kann ein muslimisches Land der Europäischen Union beitreten? Einem Europa, dem der Islam zumindest potentiell angehört, liegt ein anderes Konzept zugrunde als ein Europa, das sich durch seine christlichen oder christlich-jüdischen Wurzeln definiert, damit auch durch die Abgrenzung vom Islam. Streitfragen der Historiker werden zu Streitfragen der Gegenwart: ist die arabische Philosophie der Muslime und Juden ein Bestandteil der europäischen Aufklärungstradition? Beruft sich also Europa auch auf islamische Wegbereiter der Moderne in der Philosophie, in der Scholastik oder der Literatur? Gehören das islamische Spanien und das Osmanische Reich zur europäischen Geschichte oder wird ihre Darstellung an die Nahostwissenschaft delegiert? Wie immer die Antwort ausfällt, selbst in philosophiegeschichtlichen Erörterungen - sie hat angesichts der Zusammensetzung unserer Gesellschaft Auswirkungen auf unsere Zukunft.
Es ist ein Leichtes Tag für Tag negative Meldungen zusammenstellen
Die geistige Aufrüstung, die in Teilen der Gesellschaft betrieben wird, ist unübersehbar. Die Berichterstattung zum Islam in einzelnen Medien hat längst den Charakter einer Kampagne angenommen und ist von Wissenschaftlern vielfach analysiert worden, nicht zuletzt hinsichtlich ihrer Bildersprache: vermummte Männer mit Maschinengewehr, voll verschleierte weibliche Massen, von hinten photographierte Kopftücher auf deutschen Schulhöfen, im Schrei verzerrte Gesichter, Betende genau in dem kurzen Augenblick, in dem sie ihre Stirn zu Boden führen, so daß ihr Hinterteil in die Kamera grinst. Um die eingeborene Gewalttätigkeit des Islam zu beweisen, zitieren die typischen Artikel, Sendungen und Bücher die immer gleichen Koranverse zur Gewalt, als gäbe es keinen historischen oder textuellen Kontext zu berücksichtigen, und picken aus der Geschichte selektiv die Massaker, Diskriminierungen und Eroberungskriege heraus, die es natürlich in der islamischen Geschichte gegeben hat - und schon sieht die Geschichte des Islam aus wie ein Horrorkabinett. Wie billig ein solches Muster ist, wird deutlich, wenn man es ins Gegenteil verkehrt: Kolonialismus, Kreuzzüge, der Völkermord an den Indianern, Inquisition und Jesu Missionsbefehl, Tschetschenien, Irak, Sabra und Schatila, Palästina, Srebrencia und die christliche Propaganda der Serben, die derzeit biblische Legitimation der Apartheid, Holocaust, zwei Weltkriege, zur Variation jetzt gern auch die Elfenbeinküste oder der Protest gegen Moscheen in Europa, das alles versehen mit ein paar Heiligkriegszitaten aus der Bibel, Bush und Berlusconi und von früheren Amerikahassern interpretiert, schon hat man genügend Belege gesammelt, um die Einfältigen in der islamischen Welt von der angeborenen Aggressivität des Christentums zu überzeugen. Nach dem gleichen Muster funktionieren die diversen Internetseiten, die Tag für Tag auflisten, wo Muslime heute wieder Gewalttaten begangen haben, ihre Dummheit beweisen oder sich lächerlich gemacht haben. Es ist ein Leichtes, wie islamische Websites demonstrieren, Tag für Tag negative Meldungen zusammenstellen, in denen irgendwo auf der Welt westliche Personen, Gruppen oder Staaten dem Feindbild entsprechen, das man sich von ihnen macht, von amerikanischen Ölkonzernen im Nahen Osten über die Kinderpornographie bis hin zu Brandanschlägen auf Asylheime oder Moscheen. Diese Meldungen mögen alle für sich wahr sein und werden in der Zusammenstellung dennoch zur Lüge.
In kaum einem Land auf der Welt sind Minderheiten vollständig gleichberechtigt
Auch die einschlägigen Bestseller zum Islam in Europa schildern meist eindringlich soziale Problemfälle in muslimischen Familien, ohne sie anhand empirischer Daten mit der tatsächlichen Zahl von Muslimen in Beziehung zu setzen. Dem Leser wird so der Eindruck vermittelt, als seien Ehrenmorde, Zwangsverheiratungen und Gewalt in muslimischen Familien die Regel, die zivilisierten, säkularen Muslime die Ausnahme. Das ist so bizarr, als würde eine Studie über Rechtsradikale in Ostdeutschland den Eindruck vermitteln, als seien alle Ostdeutschen rechtsradikal - oder als würde ein Augenarzt zu der Auffassung kommen, alle Menschen hätten Augenprobleme. Genauso gedankenarm ist es freilich, immer nur aufzulisten, wo Muslime auf der Welt oder speziell in Deutschland benachteiligt werden. Gewiß gibt es solche Fälle: Familien, die wegen ihres arabischen Namens keine Wohnung erhalten, Frauen, die wegen ihres Kopftuchs auf der Straße angespuckt werden. Sieht man genau hin, wird man wahrscheinlich jeden Tag einige Vorfälle finden. Aber daraus eine Verfolgung der Muslime abzuleiten, gar vergleiche zur Judenverfolgung im Dritten Reich anzustellen, wie es gelegentlich geschieht, ist völlig grotesk. In kaum einem Land auf der Welt sind kulturelle oder religiöse Minderheiten vollständig gleichberechtigt. Aber im Vergleich zu den meisten anderen und gerade zu den islamischen Ländern genießen die Minderheiten in Europa ein hohes Maß an Freiheit und Emanzipation, auch die Muslime. Das bedeutet nicht, sich mit Diskriminierungen abzufinden. Nur sollte man auch als Muslim die Relationen nicht vollständig aus den Augen verlieren und gelegentlich einmal die Vorzüge unserer westeuropäischen Gesellschaften anerkennen. Ja, es gibt ein Feindbild Islam. Aber die Muslime sollte es beunruhigen, dass es einen Islam gibt, der sich als Feind gebärdet."
Mit freundlicher Genehmigung
Navid Kermani
Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime.
Verlag C.H. Beck oHG
München, 2009
Seite 36-40
Dr. Navid Kermani, Orientalist und Schriftsteller. Studium der Islamwissenschaft, Philosophie und Theaterwissenschaft in Köln, Kairo und Bonn. 1998 Promotion in Bonn. 2000-2002 Long Term Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin, Institute for Advanced Study. 2005 Habilitation. 2005-2007 Regisseur und Kurator für außergewöhnliche Veranstaltungen am Schauspielhaus Köln. Seit 2006 Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, seit 2007 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2008 Stipendiat der Villa Massimo. Seit 2008 Permanent Fellow am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Zahlreiche Veröffentlichungen und Auszeichnungen.
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