Das war die Verleihung des CIVIS Medienpreises 2019

Die 32. Verleihung des CIVIS Medienpreises begann mit einer besonderen Aktion: Da der Tag der Preisverleihung auf den 70. Geburtstag des Grundgesetzes fiel, wurde auf der Bühne ein Transparent ausgerollt, auf dem stand: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Die Gäste aus Politik, Medien und Kultur, die sich zur feierlichen Gala unter den Kronleuchtern im Weltsaal des Auswärtigen Amts in Berlin versammelt hatten, hielten Schilder hoch, auf denen ebendieser erste Satz des Grundgesetzes geschrieben stand.

„Das ist der wichtigste Satz für CIVIS“, sagte Michael Radix, Geschäftsführer der CIVIS Medienstiftung, der die Gäste begrüßte. Dass es den CIVIS Medienpreis, der Medien und Journalisten für die Themen Migration, Integration und kulturelle Vielfalt sensibilisieren will, bereits seit 32 Jahren gibt, sei „ein Erfolg sondergleichen“, sagte Radix. 2019 sei zudem ein starker Jahrgang: „Jede Nominierung ist auch eine Auszeichnung für eine herausragende Programmleistung, die wertvolle Anregungen gibt.“ Eingereicht wurden in diesem Jahr insgesamt 767 Programme aus 22 EU-Staaten und der Schweiz.

Ein wichtiges Bekenntnis zur Vielfalt

Auch WDR-Intendant Tom Buhrow, der auch Vorsitzender des Kuratoriums der CIVIS Medienstiftung ist, wandte sich in seiner Ansprache an die Nominierten: „Sie alle haben mitgeholfen, das hochzuhalten, was uns zusammenhält.“ Angesichts der bevorstehenden Europawahlen sagte er: „Für uns ist es leicht, die Vielfalt Europas anzuerkennen. Innerhalb unserer eigenen Gesellschaft fällt es vielen schon schwerer, diese Vielfalt zu akzeptieren.“

Vonseiten der Politik begrüßten Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, und Annette Widmann-Mauz, Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die Anwesenden. Beide gingen ebenfalls auf die im Grundgesetz geschützte Würde des Menschen ein und spannten den Bogen zu den eingereichten Beiträgen. Widmann-Mauz sagte: „Der CIVIS Medienpreis ist ein wichtiges Bekenntnis zum Zusammenwachsen der Vielfalt und auch ein Appell an alle überzeugten Europäerinnen und Europäer.“ Müntefering betonte: „Die Beiträge geben uns zu denken. Und denken ist das beste Rezept für Freiheit und Frieden.“

Notwendige Diskussionen provozieren

Daran, dass Freiheit und Frieden schnell bedroht werden können, erinnerte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in ganz Europa unter Druck. Einer der Gründe ist, dass es Parteien gibt, die den Kampf gegen die Öffentlich-Rechtlichen zu einem Teil ihrer Programmatik gemacht haben.“ Bis die ‚Ibiza-Affäre‘ zum Bruch der Regierungskoalition geführt habe, sei auch in Österreich eine solche Partei an der Regierung beteiligt gewesen. Doch der Skandal habe gezeigt, dass die Menschen sich vertrauensvoll an die öffentlich-rechtlichen Sender wenden, wenn etwas Wichtiges passiert: Rund drei Viertel der Österreicher hätten sich im ORF über die Geschehnisse informiert.

Schirmherren des CIVIS Medienpreises sind in diesem Jahr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Präsident des Europäischen Parlaments Antonio Tajani und Bundesaußenminister Heiko Maas. Tajani hatte in seinem Grußwort die Rolle von Journalisten betont: Sie müssten die Chance haben, „durch eine ungehinderte Recherche detailliert die Wirklichkeit abbilden zu können“. Der CIVIS Medienpreis setze ein wichtiges Zeichen dafür, wie diese Berichterstattung aussehen sollte. Bundesaußenminister Maas beschreibt die nominierten Programme so: „Die Beiträge provozieren notwendige Diskussionen, in denen Gesellschaft und Politik sich immer wieder kritisch hinterfragen müssen.“

Eine Premiere beim 32. CIVIS Medienpreis war das Moderatorenteam: Pinar Atalay, Siham El-Maimouni, Cherno Jobatey und Reiner Reitsamer moderierten erstmals gemeinsam den CIVIS Medienpreis 2019. Die Fernsehpreisverleihung wurde in der ARD/Das Erste und in mehreren europäischen TV-Programmen übertragen.

Europäischer CIVIS YOUNG C. Medienpreis 2019

Der erste Preis des Abends ging an den Kurzspielfilm „Kippa“, der die Geschichte des 14-jährigen Oskar erzählt, der von seinen Mitschülern gemobbt und drangsaliert wird, nachdem sie erfahren haben, dass er jüdisch ist. Die Geschichte basiert auf einem wahren Fall in Deutschland. Autor Lukas Nathrath hatte in der Zeitung darüber gelesen und dann herausgefunden, dass das kein Einzelfall ist. Deswegen sei es ihm ein Anliegen gewesen, die Geschichte zu erzählen, sagte er, als er den Preis von Annette Widmann-Mauz entgegennahm. Das Urteil der Jury um Pinar Atalay und Cherno Jobatey: „Der Film stellt wichtige Fragen nach der Integrationsleistung der deutschen Gesellschaft. Filmisch und schauspielerisch beeindruckend.“ Mit dem CIVIS YOUNG C. Medienpreis werden Beiträge für Film und Fernsehen von Teilnehmern ausgezeichnet, die in journalistischer Ausbildung oder erst seit kurzem journalistisch tätig und nicht älter als 32 Jahre sind.

Europäischer CIVIS CINEMA Medienpreis 2019

Der Medienpreis für europäische Spielfilme im deutschen Kino wird vom Publikum im Internet gewählt. Fünf Filme waren nominiert, die meisten Stimmen bekam das Drama „Der Trafikant” von Regisseur Nikolaus Leytner. Es erzählt von der Freundschaft zwischen einem österreichischen Lehrling und Sigmund Freund, wenige Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs und kurz vor Freuds Gang ins Exil. Ein Film „für Humanismus und gegen rassistische Hetze und Diskriminierung“, wie die Jury um Minu Barati-Fischer (Allianz Deutscher Produzenten) befand. Den Preis überreichte Jörg Schönenborn (WDR).

Europäischer CIVIS TV.VIDEO Medienpreis 2019 – Unterhaltung

Bei den Fernsehprogrammen im Bereich Unterhaltung hatte die Jury diesmal die Qual der Wahl, wie Jurymitglied Roger de Weck betonte. Darum gibt es in dieser Kategorie in diesem Jahr zwei erste Preise.

Ausgezeichnet wurde zum einen die sechste Folge der ARTE-Fernsehserie „Krieg der Träume: Versprechen“ über das Ende des Ersten Weltkriegs, als Europa zu einem Labor neuer Gesellschaftsentwürfe wird. Die Autoren und Regisseure Jan Peter und Frédéric Goupil nahmen den Preis von Tom Buhrow entgegen. Das Urteil der Jury um Roger de Weck, Bakel Walden (SRG SSR) und Michael Loeb (WDRmediagroup): „Die außergewöhnliche Produktion zeigt historisch das Erstarken von Links- und Rechtspopulisten und die Zunahme gruppenbezogener Hetze und Feindlichkeit. Sie zeigt deutlich, dass jeder einzelne mitverantwortlich ist für die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen seiner Zeit.”

Ebenfalls ausgezeichnet wurde der RTS-Fernsehfilm „Boomerang“ der Autorinnen Jacqueline Surchat und Nicole Borgeat, in dem ein junger, fremdenfeindlicher Politiker und eine asylsuchende muslimische Frau im Körper des jeweils anderen landen. Die Jury lobte die Komödie als „fantasievolle Utopie, erkenntnisreich mit schwungvollen Dialogen, bestechendem Wortwitz und herausragenden Schauspielern“. Sie befand: „Ein großartiger Film.”

Europäischer CIVIS TV.VIDEO Medienpreis 2019 – Magazine

Die SWR-Reportage „Flüchtlingsretter in den Alpen“ erhielt den Preis für kurze Programme bis zehn Minuten Länge. Autorin und Regisseurin Lourdes Picareta erzählt darin, wie Menschen aus afrikanischen Ländern die Alpenpässe überwinden – und Bewohner ihnen helfen und sich dadurch strafbar machen. Picareta, die bereits viele Filme über Geflüchtete geschrieben hat, nahm den Preis von Staatsministerin Michelle Müntefering entgegen. Jurymitglied Bakel Walden befand: „Ein eindrucksvoller, bildstarker Film – eine exzellente journalistische Leistung.”

Europäischer CIVIS TV.VIDEO Medienpreis 2019 – Information

Im Bereich Information wurde der ZDF-Dokumentarfilm „Als Paul über das Meer kam“ prämiert. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz übergab den Preis an den Autor und Regisseur Jakob Preuss, der in Marokko den flüchtenden Paul Nkamani kennengelernt und seine Odyssee über Spanien nach Deutschland begleitete – bis sich ihm die Frage stellte, ob er nur beobachten oder auch helfen sollte. Letztlich half er. Auf die Frage, ob er das wieder tun würde, antwortete er bei der Entgegennahme des Preises: „Ich würde es wieder tun. Man bleibt ja Mensch bei so einer Sache.“ Die Jury urteilte: „Die Grenzen des protokollierenden Journalismus zwischen Dokumentation und erwarteter Hilfeleistung werden deutlich. Ein herausragender Film.”

Europäischer CIVIS DIGITAL Medienpreis 2019 – Webvideos

Den Webvideo-Preis hat das Online-Format „Jäger & Sammler“ von Funk (ARD/ZDF) mit dem Beitrag „Stadt. Land. Heimat“ gewonnen. Den Preis nahmen Mirjam Wlodawer, Maxi Garden, Kosei Takasaki und Tarek Tesfu von NDR-Intendant Lutz Marmor entgegen. Sie waren für den Beitrag quer durch die Republik gereist und zeigen mit ihren Interviews, dass Heimat für jeden Menschen etwas anderes bedeutet. Die Jurymitglieder Jo Groebel (Deutsches Digitales Institut) und Schiwa Schlei (WDR) lobten: „Ein Webvideo, das eins der bestimmenden öffentlichen Themen auf humorvolle, leichte und kluge Weise großartig in Szene gesetzt.“

Europäischer CIVIS DIGITAL Medienpreis 2019 – Webangebote

Im Bereich Webangebote wurde der Beitrag „Festung Osteuropa – der letzte Gegner“ aus der SPIEGEL-ONLINE-Reihe „Weitwinkel“ ausgezeichnet. Er zeigt die Situation und die humanitären Herausforderungen an den östlichen EU-Außengrenzen. Bartholomäus von Laffert, Moritz Richter und Paul Lovis Wagner nahmen den Preis von Schauspieler und Musiker Miroslav Nemec entgegen. „Dramaturgisch professionell verknüpfte Interviews, Videos und präzise Textelemente geben Einblick in bewegende menschliche Schicksale und die Aufrüstung des militärischen EU-Grenzregimes hin zur ‚Festung Europa‘“, befand die Jury.

Europäischer CIVIS AUDIO Medienpreis 2019 – Kurze Programme

Unter den eingereichten deutschsprachigen Radiobeiträgen bis sechs Minuten Länge kürte die Jury das ORF-Interview mit dem FPÖ-Asyllandesrat Gottfried Waldhäusl über ein Asylquartier in Niederösterreich. Autor Paul Schiefer nahm auch für seinen Co-Autor Bernt Koschuh den Preis für „Asylquartier: ‚Wie ein Gefängnis – eine Schande für Österreich‘“ von Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue entgegen. Jurymitglied Jona Teichmann (WDR) urteilte: „Sehr sachlich geführt, kritisch und reaktionssicher – von hohem Erkenntnisinteresse. Der Standpunkt des Interviewten wird in kurzer Zeit kontrastreich deutlich. Den Zuhörenden bleibt Raum, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Eine journalistische Leistung, die Wirkung zeigt. Das Asylquartier wurde noch am selben Tag geschlossen.”

Europäischer
 CIVIS AUDIO Medienpreis 2019 – Lange Programme

Bei den langen Programmen und Podcasts bis 120 Minuten gewann das Deutschlandfunk Kultur-Hörfunkfeature „Bella Palanka – Abgeschoben ins serbische Nirgendwo“, für das Autorin und Regisseurin Johanna Bentz den nach einer Haftstrafe abgeschobenen Emrah Gradina porträtiert hat, der nach 22 Jahren in Deutschland versucht, sich in Serbien ein neues Leben aufzubauen. Jurymitglied Barbara Weinzierl (ORF) sagt dazu: „In knapper und präziser Sprache gibt das Feature einfühlsam Einblick in die Atmosphäre und perspektivlose Lebenswelt des jungen Mannes – ungeachtet aller Schuldfragen. Nähe und Distanz zu ihrem Protagonisten werden deutlich thematisiert.” Den Preis überreichte Andreas Freudenberg (Freudenberg Stiftung).

Europäischer CIVIS SPECIAL „Fußball + Integration“ Medienpreis 2019

Zum vierten Mal in Folge wurde in diesem Jahr der mit dem Deutschen Fußballbund (DFB) gemeinsam veranstaltete Sonderpreis für „Fußball + Integration“ verliehen. Cacau und Stephanie Schulte vom DFB überreichten die Preise.

Im Bereich DIGITAL gab es gleich zwei erste Preise. Das Video „Scoring Girls“ über das gleichnamige Sport- und Integrationsprojekt des Vereins Hawar Help nahmen Düzen Tekkal, Tugba Tekkal und Tuna Tekkal entgegen, die auf der Bühne berichteten, wie die Liebe zum Fußball jesidische, muslimische und christliche Mädchen und junge Frauen zusammenbringt. Die Jury um Ralf Köttker (DFB) und Friederike Behrends befand: „Das Video gibt Einblick in den Kontext der Spielerinnen, ohne gängige Rollenbilder zu bedienen. Es zeigt die integrative Kraft des Fußballsports. Dramaturgisch überzeugend – inhaltlich wie formal beeindruckend.”

Ebenfalls ausgezeichnet wurde das Webvideo von Funk (ARD/ZDF) „Wumms: Monsters of Kreisklasse – Religionen“ von Steffen Heisterberg, Jesko Friedrich und Dennis Kaupp. „In der ‚Social Media Cartoon- Serie‘ tritt ein typisches unterklassiges Amateur-Fußballteam gegen das Team Religionen an und erleidet eine herbe Niederlage“, fasste die Jury zusammen. Ein Beitrag „für mehr Leichtigkeit und Toleranz im Umgang mit den Religionen – ohne die Würde zu verlieren. Beeindruckend in Form und Inhalt.”

Im Bereich AUDIO wurde das Deutschlandfunk-Hörfunkfeature „Ein Rom träumt von der Champions League – die ungarische Fußball-Legende Istvan Mezei“ ausgezeichnet. Autor Mirko Schwanitz freute sich über den Preis für seinen Beitrag über den Fußballaktivisten, der die erste Roma-Mannschaft des Landes gegründet hat. Laut Jury „ein spannendes Panorama mitteleuropäischer Geschichte, audiophon brillant gemacht“.

Im Bereich TV.VIDEO ging der CIVIS SPECIAL „Fußball + Integration“ Medienpreis an den SVT-Dokumentarfilm „Zlatan: For Sweden – with the times“ der Autoren Leo Razzak und Nils Andersson. Die Dokumentation über den Weltklassespieler Zlatan Ibrahimovic, der zur personifizierten Einwanderungsgeschichte Schwedens geworden ist, verdeutliche die Integrationskraft des europäischen Fußballsports, so die Jury – „formal und inhaltlich herausragend“.